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Wärmepumpen-Praxis & Altbau

Wärmepumpe im Altbau: Mit dem 50°C-Test die Eignung selbst prüfen

Aktualisiert: 2026-08-01Rechtsstand: GModG 29.07.2026

Das hartnäckigste Gerücht der Energiewende lautet: „Eine Wärmepumpe funktioniert nur im Neubau mit Fußbodenheizung und Vollwärmeschutz.“ Messungen des Fraunhofer-Instituts an über 300 Bestandsgebäuden belegen das Gegenteil: Über 90% aller deutschen Altbauten können wirtschaftlich mit einer Wärmepumpe beheizt werden – entscheidend ist allein die Vorlauftemperatur an kalten Wintertagen.

Der physikalische Kern: Warum die Vorlauftemperatur alles entscheidet

Eine Wärmepumpe entzieht der Außenluft Wärme und hebt diese über einen Kältekreislauf auf Heizungsniveau an. Je geringer der Temperaturunterschied zwischen Außenluft (z. B. -5 °C) und dem Heizungsvorlauf (z. B. 45 °C) ist, desto weniger elektrische Verdichterarbeit muss geleistet werden.

Als Faustregel der Thermodynamik gilt: Jedes Grad weniger Vorlauftemperatur spart rund 2,5% bis 3,0% Strom und steigert die Jahresarbeitszahl (JAZ). Wie sich die Vorlauftemperatur auf Wirtschaftlichkeit und Jahresarbeitszahl auswirkt, zeigt die folgende Skala:

30°C 40°C 45°C 55°C 70°C Hocheffizient JAZ 3,8 – 4,8 Fußbodenheizung oder große Heizkörper Gut geeignet JAZ 3,0 – 3,7 Standard-Altbau mit Typ 22/33 Sanierung nötig JAZ < 2,8 Erst Heizkörper tauschen oder Fenster/Dach dämmen
Vorlauftemperatur-Eignungsskala für Wärmepumpen: Bis 45 °C arbeitet die Anlage exzellent, von 45 °C bis 55 °C wirtschaftlich und gut. Erst über 55 °C sollten gezielte Einzelmaßnahmen ergriffen werden.

Die 3 Schritte des 50°C-Praxistests (zum Selbermachen)

Sie müssen keinen teuren Gutachter beauftragen, um zu prüfen, ob Ihr Haus wärmepumpentauglich ist. Führen Sie an einem kalten Wintertag (Außentemperatur unter 0 °C) folgenden Test mit Ihrer bestehenden Öl- oder Gasheizung durch:

  • Schritt 1: Heizkurve absenken. Stellen Sie an der Regelung Ihrer Bestandsheizung die maximale Vorlauftemperatur auf 50 °C bis maximal 55 °C ein (siehe Anleitung unter Vorlauftemperatur richtig einstellen).
  • Schritt 2: Thermostate voll aufdrehen. Öffnen Sie in allen Hauptwohnräumen (Wohnzimmer, Kinderzimmer, Bad) die Thermostatventile auf Stufe 4 oder 5.
  • Schritt 3: 48 Stunden beobachten. Bleiben alle Wohnräume über 2 Tage hinweg behaglich warm (mindestens 20 bis 21 °C)? Wenn ja: Ihr Haus ist sofort wärmepumpentauglich, ohne dass Wände gedämmt werden müssen.

Was tun, wenn 1–2 Räume nicht warm genug werden?

Bleibt das Badezimmer oder ein Eckzimmer bei 50 °C Vorlauf zu kühl, bedeutet das nicht, dass die Wärmepumpe unmöglich ist. In 95% der Fälle ist lediglich der dortige Heizkörper für tiefe Temperaturen unterdimensioniert.

MaßnahmeKostenaufwandEffekt auf VorlauftemperaturKfW-Förderfähigkeit
Hydraulischer Abgleich (Verfahren B)800 – 1.500 €Senkt Vorlauf um 3–5 °CTeil der 55–70% Heizungsförderung
Tausch einzelner Heizkörper gegen Typ 33300 – 600 € pro StückSenkt Vorlauf um 6–10 °CAls Umfeldmaßnahme voll förderfähig
Heizkörper-Lüfter nachrüsten60 – 120 € pro RaumErhöht Leistung um 30–50%Günstige Sofortlösung zum Selberbauen
Oberste Geschossdecke dämmen1.500 – 3.500 €Senkt Heizlast um 15–20%BAFA 15–20% oder KfW 358 Ergänzungskredit

Entscheidungsbaum: Altbau auf Wärmepumpe vorbereiten

  • Test bestanden (Raumtemperatur ≥ 20 °C bei 50 °C Vorlauf): Sofort Angebote für Luft-Wasser-Wärmepumpe mit natürlichem Kältemittel (R290 Propan) einholen. Antrag im KfW-Portal vor Baubeginn stellen.
  • Nur 1–2 Räume zu kalt: Im Handwerkerangebot den Austausch dieser Heizkörper gegen 3-lagige Flachheizkörper (Typ 33) als förderfähige Umfeldmaßnahme aufnehmen.
  • Alle Räume zu kalt (Vorlauf > 60 °C nötig): Vor dem Heizungstausch die oberste Geschossdecke und Kellerdecke dämmen sowie alte Rollladenkästen abdichten. Anschließend Test wiederholen.

Häufige Fehler bei der Altbau-Wärmepumpe

  • Fehler 1: Überdimensionierung aus Angst. Aus Furcht vor Kälte wird eine 16-kW-Anlage statt einer passenden 9-kW-Anlage eingebaut. Die Folge: Taktbetrieb, hoher Verschleiß und schlechte JAZ (siehe Gefahr überdimensionierter Wärmepumpen).
  • Fehler 2: Heizkörperthermostate als Leistungsbremse. Wärmepumpen brauchen hohen Wasservolumenstrom. Werden alle Thermostate abgedreht, stirbt die Effizienz.
  • Fehler 3: Hydraulischen Abgleich weglassen. Ohne hydraulischen Abgleich bekommen weit entfernte Heizkörper zu wenig Warmwasser.

Fragen an den Heizungsbauer beim Vor-Ort-Termin

  • 1. *„Auf welche maximale Vorlauftemperatur bei Norm-Außentemperatur (z. B. -10 °C) legen Sie die Wärmepumpe aus?“* (Ziel: max. 50–55 °C)
  • 2. *„Haben Sie die Heizflächen für jeden Raum einzeln nachgerechnet und welche Heizkörper müssen vergrößert werden?“*
  • 3. *„Welche Jahresarbeitszahl (JAZ) garantiert die VDI 4650 Berechnung für mein Gebäude?“*
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