Wärmepumpe im Altbau: Mit dem 50°C-Test die Eignung selbst prüfen
Das hartnäckigste Gerücht der Energiewende lautet: „Eine Wärmepumpe funktioniert nur im Neubau mit Fußbodenheizung und Vollwärmeschutz.“ Messungen des Fraunhofer-Instituts an über 300 Bestandsgebäuden belegen das Gegenteil: Über 90% aller deutschen Altbauten können wirtschaftlich mit einer Wärmepumpe beheizt werden – entscheidend ist allein die Vorlauftemperatur an kalten Wintertagen.
Der physikalische Kern: Warum die Vorlauftemperatur alles entscheidet
Eine Wärmepumpe entzieht der Außenluft Wärme und hebt diese über einen Kältekreislauf auf Heizungsniveau an. Je geringer der Temperaturunterschied zwischen Außenluft (z. B. -5 °C) und dem Heizungsvorlauf (z. B. 45 °C) ist, desto weniger elektrische Verdichterarbeit muss geleistet werden.
Als Faustregel der Thermodynamik gilt: Jedes Grad weniger Vorlauftemperatur spart rund 2,5% bis 3,0% Strom und steigert die Jahresarbeitszahl (JAZ). Wie sich die Vorlauftemperatur auf Wirtschaftlichkeit und Jahresarbeitszahl auswirkt, zeigt die folgende Skala:
Die 3 Schritte des 50°C-Praxistests (zum Selbermachen)
Sie müssen keinen teuren Gutachter beauftragen, um zu prüfen, ob Ihr Haus wärmepumpentauglich ist. Führen Sie an einem kalten Wintertag (Außentemperatur unter 0 °C) folgenden Test mit Ihrer bestehenden Öl- oder Gasheizung durch:
- Schritt 1: Heizkurve absenken. Stellen Sie an der Regelung Ihrer Bestandsheizung die maximale Vorlauftemperatur auf 50 °C bis maximal 55 °C ein (siehe Anleitung unter Vorlauftemperatur richtig einstellen).
- Schritt 2: Thermostate voll aufdrehen. Öffnen Sie in allen Hauptwohnräumen (Wohnzimmer, Kinderzimmer, Bad) die Thermostatventile auf Stufe 4 oder 5.
- Schritt 3: 48 Stunden beobachten. Bleiben alle Wohnräume über 2 Tage hinweg behaglich warm (mindestens 20 bis 21 °C)? Wenn ja: Ihr Haus ist sofort wärmepumpentauglich, ohne dass Wände gedämmt werden müssen.
Was tun, wenn 1–2 Räume nicht warm genug werden?
Bleibt das Badezimmer oder ein Eckzimmer bei 50 °C Vorlauf zu kühl, bedeutet das nicht, dass die Wärmepumpe unmöglich ist. In 95% der Fälle ist lediglich der dortige Heizkörper für tiefe Temperaturen unterdimensioniert.
| Maßnahme | Kostenaufwand | Effekt auf Vorlauftemperatur | KfW-Förderfähigkeit |
|---|---|---|---|
| Hydraulischer Abgleich (Verfahren B) | 800 – 1.500 € | Senkt Vorlauf um 3–5 °C | Teil der 55–70% Heizungsförderung |
| Tausch einzelner Heizkörper gegen Typ 33 | 300 – 600 € pro Stück | Senkt Vorlauf um 6–10 °C | Als Umfeldmaßnahme voll förderfähig |
| Heizkörper-Lüfter nachrüsten | 60 – 120 € pro Raum | Erhöht Leistung um 30–50% | Günstige Sofortlösung zum Selberbauen |
| Oberste Geschossdecke dämmen | 1.500 – 3.500 € | Senkt Heizlast um 15–20% | BAFA 15–20% oder KfW 358 Ergänzungskredit |
Entscheidungsbaum: Altbau auf Wärmepumpe vorbereiten
- Test bestanden (Raumtemperatur ≥ 20 °C bei 50 °C Vorlauf): Sofort Angebote für Luft-Wasser-Wärmepumpe mit natürlichem Kältemittel (R290 Propan) einholen. Antrag im KfW-Portal vor Baubeginn stellen.
- Nur 1–2 Räume zu kalt: Im Handwerkerangebot den Austausch dieser Heizkörper gegen 3-lagige Flachheizkörper (Typ 33) als förderfähige Umfeldmaßnahme aufnehmen.
- Alle Räume zu kalt (Vorlauf > 60 °C nötig): Vor dem Heizungstausch die oberste Geschossdecke und Kellerdecke dämmen sowie alte Rollladenkästen abdichten. Anschließend Test wiederholen.
Häufige Fehler bei der Altbau-Wärmepumpe
- Fehler 1: Überdimensionierung aus Angst. Aus Furcht vor Kälte wird eine 16-kW-Anlage statt einer passenden 9-kW-Anlage eingebaut. Die Folge: Taktbetrieb, hoher Verschleiß und schlechte JAZ (siehe Gefahr überdimensionierter Wärmepumpen).
- Fehler 2: Heizkörperthermostate als Leistungsbremse. Wärmepumpen brauchen hohen Wasservolumenstrom. Werden alle Thermostate abgedreht, stirbt die Effizienz.
- Fehler 3: Hydraulischen Abgleich weglassen. Ohne hydraulischen Abgleich bekommen weit entfernte Heizkörper zu wenig Warmwasser.
Fragen an den Heizungsbauer beim Vor-Ort-Termin
- 1. *„Auf welche maximale Vorlauftemperatur bei Norm-Außentemperatur (z. B. -10 °C) legen Sie die Wärmepumpe aus?“* (Ziel: max. 50–55 °C)
- 2. *„Haben Sie die Heizflächen für jeden Raum einzeln nachgerechnet und welche Heizkörper müssen vergrößert werden?“*
- 3. *„Welche Jahresarbeitszahl (JAZ) garantiert die VDI 4650 Berechnung für mein Gebäude?“*